UISGEOVID

 







Opitz, Karlos und Campino – alle woll’n sie nur lieben und dabei „unsterblich“ sein

 

Liebe macht unsterblich, das ist klar!

Liebe macht erstmal Schmetterlinge im Bauch, Fluchzeuge, aber das kann auch unglücklich machen, birgt Gefahr, der Mann ist ein Kämpfer. Ihm sind die Güter dieser Welt egal, wenn er liebt, er will dann nicht mehr kämpfen, gibt alles auf, Reichtum, Mammon, Ehre auf dem Schlachtfeld, alles ohne Wert für den liebenden Mann, jawoll. Nur die Liebe zählt, alles Pflaume. Im Arm der Geliebten zu liegen, ihrem unbefleckte Schoße zu huldigen – ja, dafür gibt der Mann alles auf und fürchtet nichts auf der Welt. Karl will direkt auf’s Blutgerüst, dem anderen machte es nichts aus, mitten auf der A 40 seine Liebe herauszuposaunen oder auf ’nem glitschigen regennassen Dachfirst Handstand zu machen und dabei von der Liebe zu singen. Für alle ist es das jeweilige Paradies, das sie sich durch ihre – meistens dann doch unerfüllte – Liebe für den einen Augenblick holen wollen. Ich lob mir den Opitz, der hat seine Dorinde ja irgendwie schon bekommen, sonst wüsste er nicht um das Gefühl, das entsteht, wenn Dorinde sich um seine Schultern wirft. Toll. Liebe und Sex, Schultern, Körperteile, Arme, Schoß und Frauenbrüste – alles besser als Ruhm und Ehre auf dem Scheißschlachtfeld des unseligen Krieges damals. Naja, von Gott auch keine Spur… es sei denn, man bemerkt in Dorinden die übernatürlichen Züge einer Schönheit, die zu Entsagung führt. Entsagung wäre auch ein Thema für den rasend irre gewordenen Karlos, heißblütiger Spanier, der er ist. Der kennt echt keine Verwandten mehr in seiner Verblendung, die eigene Mutter mit ödipalen Anwandlungen zu konfrontieren und zu kompromittieren. Kein Wunder, dass ihn die ihm vom Vater weggeheiratete Geliebtenmutter mit den Worten „Eitler Mann!“ abzuspeisen versucht. Männer sind Schweine – schimmert hier irgendwie durch bei Elli. Sie hält sich an die gesellschaftlichen, sozialen und moralischen Gepflogenheiten menschlichen Zusammenlebens, ein Greis verdient schließlich auch wertgeschätzt zu werden, der hat stumme Mienensprache und ist letztendlich wohl auch in gewisser Weise zärtlich. Danach ist es bei Karl schnell aus, seine Nerven zerreißen, er wird irre, zumindest merkt er, dass er irrt, irgendwie. Campino irrt nicht, hat nur dieses bestimmte Gefühl, mit jemandem in einer gewissen Nacht „unsterblich“ zu sein oder sein zu wollen. Karl ist eine tote Hose gegen ihn, hätte Karl das „Unsterblich“ geschmettert, statt wie ein Irrer sich vor die Füße seiner Stiefmutter zu werfen, vielleicht hätte sie ihn erhört. Fraglich, inwieweit Campino in seinem Lied erhört wird…Oder: Wer wollte schon als Geliebte mit ihm auf der A 40 in der rush hour den Verkehr aufhalten oder auffem Dachfirst und so. Also muss er das alleine machen wohl und wird der Frau dabei locker imponieren können, wenn sie ähnlich einfach gestrickt ist. Die ist ähnlich gestrickt, denn sie haben es sich gegenseitig leicht gemacht, singt er verführerisch. Also Frau, lass dich erweichen, mach’s dir leicht und ihm auch. Kann man an Elli nicht mehr versuchen, die ist eher verbittert, moralisch und tugendhaft, aber liebt nicht mehr. Campinos Suse liebt aber wohl noch, das Lied ist ähnlich getragen schwülstig angelegt wie Opitzens frühbarocke Verse ein wenig dem Lasziven zu huldigen scheinen, so im Sinne von: Ich werf’ mich weg für dich. Karlos wirft sich auch weg, am Ende vor Überwältigung vor Ellis Füße…Staub und Asche, Büßer…hat den Fluch auf sich geladen nur wegen der ollen Fluchzeuge im Bauch. Soll man nich machen sowas, soll man singen wie Campino, Dachrinne raufklettern, von Brücken auf die A 40 springen und wenn die Geliebte das auch noch mitmacht…dann iss man im Paradies und unsterblich. Erinnert mich irgendwie an Romeo und Julia…hab’ ich heut morgen etwas über eine Premiere im Burgtheater gelesen, was wohl eher eine Aufführung für die Metzgerinnung gewesen sein soll. Gespannt bin ich auch noch auf den Danton aus Mülheim – Szenenfotos künden von irgendwie Nackten innem Badewannenboot mit ‚nem Robbespierre als einer Art verspätetem Charon, zumindest denkt man das beim Sehen, Verzeihung, Herr Ciulli, falls ich Ihre Kunst missdeute, aber seit der Badewanne beim Hofmeister, wo sich alle naselang ein Schauspieler hinein übergeben musste oder so, da bin ich so was von skeptisch, aber auch so was von skeptisch gegenüber zeitgenössischem Regietheater. Leute, geht doch mal zurück auf den Text und besinnt euch guter, normaler Kulturvermittlung. Oder soll ich euch den Karlos mal satirisch überhöht inszenieren??? Ich warte erstmal ab, was bei der Triennale abgeht, wenn der Homburger Prinz mit dem Woyzeck verwechselt wird.

Leute, geht alle ins Theater heutzutage, wann immer ihr Gelegenheit dazu habt, aber lest vorher die Texte ansatzweise oder mindestens den Schauspielführer, damit ihr wisst, inwieweit euch die experimentierfreudigen Regisseure quälen wollen. Ja, Kunst ist anstrengend, anstrengender als das Leben…aber sie ist ja auch länger, ars longae, vita brevis…womit wir wieder beim „unsterblich“ sind.










Meine roten Gummistiefel

 

Soviel hängt von meinen

Roten Gummistiefeln ab,

wenn sie da stehen

im Garten

und leuchten

so kurz nach dem Regen

neben den kleinen

weißen Kaninchen

Findet Neo – oder: Der Gummistiefel schlägt zurück

 

Die Sprache – unendliche Weiten. Täglich erleben wir Abenteuer in ihr und mit ihr, ohne zu wissen, was wirklich dahinter steckt.

Nein, es geht nicht um die kantische Frage nach dem Woher und Wohin und dem Sinn und dem Ding an sich. Es geht um all das, was wir mit den Dingen tun, indem wir sie benennen und was die Dinge mit uns nicht tun können, weil wir die Macht über sie haben. Aber dies ist nur eine scheinbare Macht.

 

Ich fürchte mich so vor der Menschen Wort

Ich fürchte mich so vor der Menschen Wort.
Sie sprechen alles so deutlich aus:
Und dieses heißt Hund und jenes heißt Haus,
und hier ist Beginn und das Ende ist dort.

Mich bangt auch ihr Sinn, ihr Spiel mit dem Spott,
sie wissen alles, was wird und war;
kein Berg ist ihnen mehr wunderbar;
ihr Garten und Gut grenzt grade an Gott.

Ich will immer warnen und wehren: Bleibt fern.
Die Dinge singen hör ich so gern.
Ihr rührt sie an: sie sind starr und stumm.
Ihr bringt mir alle die Dinge um.

Rainer Maria Rilke

 

Ja, der sensible Rilke hat das kunstmäßig so ausgedrückt, und schaut man es sich heute an, dann steckt viel mehr noch hinter diesen Rilke-Worten.

Also: Was machen wir mit den Dingen? Wir benennen sie. Wir sagen dem Stuhl Stuhl und dem Gummistiefel Gummistiefel. Aber wer garantiert uns, dass der Stuhl auch Stuhl ist, dass der Gummistiefel auch einer ist. Die Dinge können sich nicht wehren, können nicht zurückschlagen, können nicht sagen, wie und was sie wirklich sind. Was ist wirklich? Was ist Wirklichkeit? Auch nur ein „Wort“. Ja, wir sprechen Dinge so deutlich aus, wir sprechen aus und geben Bedeutung, verleihen einer Sache ein Zeichen. Das ist noch gelinde ausgedrückt, besser gesagt, wir üben Gewalt an einer Sache aus, indem wir sie be-zeichnen. Damit machen wir die Sache zu etwas Bezeichnetem. Und die Sprache ist das Werkzeug unserer Macht. Ja, wir herrschen, wir sind mächtig, wir sind die Größten! Und davor hat Rilke hier Angst, fürchtet sich vor der Menschen Wort. Gib mir eine Sache, ich zwinge ihr ein Wort auf und schon beherrsche ich sie. Sprache ist Voodoo. Ich bohre sprachliche Nadeln in den Gummistiefel, wenn ich Stuhl zu ihm sage, aber dadurch erst beherrsche ich ihn. Alles um uns herum leidet unter uns, weil wir es so wollen, weil wir mit Sprache leiden machen.

Und gleichzeitig leiden wir eben auch.

Weil mit uns dasselbe geschieht.

Weil wir der Matrix nicht entkommen.

Die Matrix ist hier als Geflecht von Bedeutungsbeziehungen zu verstehen.

Neuronale Verästelungen, kapillare Nuancierungen von Versprachlichungen der Welt.

Welt ist da und muss als unser Lebensraum begriffen werden. Im Stadium des Begreifens sind wir naiv, primitiv, gewalttätig und zeigen unser wahres Neandertaler-Gesicht. Nachdem der homo erectus „begriffen“ hatte, Feuer gemacht hatte, Mammuts in die Höhle zum Verzehr gebracht hatte, begann er langsam eine neue Art der Gewalt auszuüben. Er zeichnete die Tiere an die Höhlenwände und beherrschte sie bald auch mit Hilfe primitivster guttural geäußerter Kehllaute. Die Matrix war geschaffen, die Tür zum Hyperraum öffnete sich einen Spalt, es dauerte aber noch etliche tausend Jahre, bis der homo sapiens mit dem Licht der Aufklärung in diesen Hyperraum hineinzuleuchten imstande war. Und wie er sich dann freute und wie er dann leuchtete mit der Taschenlampe seines schmalspurigen Geistes. Knappe 250 Jahre weiter leuchten wir heute nicht mehr, die Scheinwerfer sind auf volle Leistung geschaltet, wir haben den Hyperraum betreten – und versuchen in dem kleinen Bereich, der uns erschlossen ist zu leben. Aber wie leben wir dort? Indem wir Macht ausüben, indem wir einfach das tun, was der primitive Neandertaler auf seine Weise auch schon getan hat, als er versuchte über das Stadium des bloßen „Begreifens“ von Wirklichkeit hinauszuwachsen. Wie gut hatte es doch der Neandertaler. Er malte schlicht und einfach seine Höhlenbilder. In unseren Hyperraum-Höhlen haben wir auch Bilder. Tagtägliche Gewalt üben wir aus und tagtäglich wird an uns Gewalt ausgeübt. Längst schon muss sich Rilke nicht mehr vor der Menschen Wort allein nur fürchten, der heutige Rilke muss sich vor RTL , Pro7, der NASA und Google fürchten. Als Neandertaler ist es uns gleich, wir haben das Mammut in der Kühltruhe oder essen fastfood. Aber vom Neandertaler unterscheidet uns der Quantensprung der Sprache, mit der wir viel subtiler Dinge bezeichnen können, mit der wir viel subtiler MACHT ausüben können. Hinter jeder Ecke, auf jeder Plakatwand in jedem mp3- und mp4-file lauert Diskontinuierliches. Wir werden von einer Matrix beherrscht, die wir selbst entwickelt haben und tagtäglich verfeinern. Wir merken nicht einmal, wenn unsere Gehirnstrukturen aufgeweicht werden, wenn wir uns vorgaukeln, durch alles Erklären alles erklären zu können. Dann nämlich sind wir mittendrin in der Matrix und durch tägliches Tun verfeinern wir das Spinnennetz dieser Matrix – es gibt kein Entrinnen mehr. Mit geradezu naiver Freude bezeichnen wir täglich Dinge neu, die wir zu ent-decken glauben, dabei decken wir sie gerade in dem Moment mit unserer Sprache zu, nehmen ihnen ihren eigenen Raum zum Leben.

Eines Tages wird der Gummistiefel uns sagen, wer oder was er wirklich ist, aber dann ist es nicht mehr unsere Wirklichkeit. Findet Neo.